Epigraphe IIIe Monument

ANDRÉ ULMANN (1912-1970)
GRÜNDERPRÄSIDENT DES FREUNDESVEREINS VON MAUTHAUSEN
(MAUTHAUSEN, MELK, EBENSEE- HÄFTLINGSNUMMER 60435)

 

Schon gleitet die Zeit über die Zeit dahin. Die fünf gleichfarbigen Jahre entfernen sich, verdichten sich abseits zu einer Erinnerung ohne Masse, während 1939 sich an mich herannähert , um die Tage die ich lebe, einzuholen.Werde ich sprachlos vor dem bleiben, was ich so hart gelernt habe, oder werde ich glauben müssen , dass ich nichts erworben habe, ausser einem brachliegenden Feld von einigen Hektaren von Monaten und Jahren, einer Weide für das Vieh des Vergessens. Schon kann ich nicht mehr auf die Eigennamen von damals kommen , auf die Namen der Toten, die Namen der Städte und der Lager, die Hoffnungsnamen der Schlachten, die Namen der Verräter und der Freunde . Man fragt mich, wie der gestorben ist, für den ich doch Totenwache gehalten habe, als er vorbeikam, und ich erkenne ihn nicht gleich, ich muss die Stirn falten, den Boden aufwühlen, umgraben, den Rauch fragen, wodurch er aus dem Leben entglitten ist. Dann sagt man mir eben, so sei das Leben, man müsse ja im gegenwärtigen Augenblick leben, es fehle nicht an Aufgaben und Pflichten. Bestimmt. Wenn aber eine Aufgabe und eine Pflicht gerade wären, nicht zu vergessen. Das nützt nichts? Wie werden Sie das wissen, Sie die Sie weder das bittere Brot geteilt haben, noch nutzlose Löcher unter dem Schnee gegraben haben, noch darauf gewartet haben, an der Reihe zu sein, um zu sterben- und man wurde vergessen, man war zufällig noch am Leben.

Wenigstens habe ich die Scham für jene Zeit verlernt, die nicht mehr herrscht, da

sie nur noch in unserem Innersten besteht- und wir selbst haben so viel Mühe, noch

hineinzudringen .

„September- Dezember 1945“ datiert.
Auszug aus“ Reiseerinnerung“, in der Zeitschrift „ „Europe“ Heftnummer 6, 1. Juni 1946 veröffentlicht

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